Am 07. Mai 2026 führte die VSVI-Bezirksgruppe Cottbus eine hochkarätige Fachexkursion unter dem Leitthema „Infrastruktur im Fokus: Brücken, Stadtentwicklung und nachhaltiger Beton“ durch. Die Route von Cottbus über Dresden und Bautzen zurück nach Dresden bot den Teilnehmenden vielfältige und praxisnahe Einblicke in aktuelle Herausforderungen und Zukunftsperspektiven des Ingenieur- und Infrastrukturbereichs.
Aktuelle Herausforderungen im Brückenbau – Einblicke aus erster Hand
Erste Station war das Terrassenufer in Dresden, wo die Teilnehmenden von Grit Ernst, Projektleiterin zum Brückenneubau der Carolabrücke. Die aus Brandenburg stammende Bauingenieurin arbeitet seit vielen Jahren beim Straßen- und Tiefbauamt, als Vertreterin der Landeshauptstadt Dresden, herzlich empfangen wurden. Sie führte kurzfristig für den verhinderten Abteilungsleiter Herrn Holger Kalbe (Brücken- und Ingenieurbauwerke) durch das Programm.
In ihrem mitreißenden Vortrag auf der abgesperrten zukünftigen Baustelle beleuchtete Frau Ernst erst einmal das Vergangene. Ein Schuldiger für den Zusammenbruch konnte nicht gefunden werden, aber aus den Untersuchungen kann man jedenfalls viel Konstruktives ableiten. Hochinteressant erzählte sie von den komplexen Planungs- und Vergabeprozesse rund um den Wiederaufbau der im September 2024 eingestürzten Carolabrücke. Besonders eindrücklich wurden die vielfältigen Rahmenbedingungen und Zwänge öffentlicher Auftraggeber dargestellt – von rechtlichen und zeitlichen Vorgaben bis hin zur Abstimmung unterschiedlicher Interessenslagen. Obendrein sind vier Büros mit der Erstellung eines Entwurfs beauftragt, die alle in kürzester Zeit geprüft und der Öffentlichkeit vorgestellt werden müssen. Dresden nimmt es mit der Bürger- und Verbändebeteiligung tatsächlich sehr genau!
Ein zentrales Ergebnis der bisherigen Planungsüberlegungen: Trotz moderner Ansätze und innovativer Gestaltungsspielräume wird die neue Brücke voraussichtlich in wesentlichen Zügen an das ursprüngliche Bauwerk angelehnt sein. Natürlich können nun die Fuß- und Radwege dem aktuellen Regelwek entsprechend geführt und insbesondere an den Elberadweg angebunden werden. Wenn alles klappt, wird ab 2028 bis voraussichtlich 2032 gebaut.

Historische Substanz trifft moderne Ingenieurkunst
Im Anschluss übernahm Herr Peter Deepe, oberster Brückenprüfingenieur der Stadt Dresden, die fachliche Führung am "Blauen Wunder". Seine mit vielen Anekdoten gespickten äußerst kenntnisreichen Ausführungen zur Geschichte und baulichen Entwicklung des betrachteten Brückenbauwerks vermittelten eindrucksvoll, wie sich technische Anforderungen über Jahrzehnte hinweg verändern und kontinuierliche Anpassungen notwendig machen.
Besonders bemerkenswert war der Zugang zu normalerweise nicht öffentlich zugänglichen Bereichen, darunter das Widerlager im Unterbau („Keller“) der Brücke. Diese spezielle Konstruktion dient der gezielten Auflasterzeugung für das Tragwerk und demonstriert eindrucksvoll die ingenieurtechnische Raffinesse historischer Bauweisen.
Ein weiteres Highlight war die Möglichkeit für den schwindelfreien Teil der Gruppe, einen der Pylone zu erklettern und die Anlage aus erhöhter Perspektive zu erleben. Parallel bot sich auch vom Boden aus ein eindrucksvolles Bild – hier konnte die Entwicklung der blauen Farbe prima beobachtet werden! Trotz leicht regnerischer Witterung ein besonderes Erlebnis für alle Beteiligten.

Innovation und Nachhaltigkeit im Betonbau – Ein Blick in die Zukunft
Nach einer kurzen Mittagspause im Bus führte die Exkursion weiter nach Bautzen zum Betonfertigteilwerk der Hentschke Bau GmbH. Dort wurden die Teilnehmenden in zwei Gruppen von Werkleiter Stefan Hörnig sowie Dr. Frank Jesse durch die hochmodernen Anlagen und Dr. Michael Kraft durch das Betonlabor geführt.
Der Standort in Bautzen entwickelt sich zunehmend zu einem Innovationszentrum für nachhaltige Baustoffe. Besonders hervorzuheben ist der Aufbau eines firmeneigenen Technikums, in dem intensiv an der Entwicklung von Betonersatzstoffen, ressourcenschonenden und weniger CO2 freisetzenden Materialien geforscht wird. Die bereits erzielten Fortschritte unterstreichen das Potenzial: So konnte das Unternehmen kürzlich ein Patent für eine entsprechende Innovation anmelden – ein bedeutender Schritt in Richtung nachhaltiger Bauwirtschaft. Wie auch in anderen Branchen stellt die Bereitstellung von landwirtschaftlichen Produkten in definierter Menge und Qualität ein in naher Zukunft zu lösendes Problem dar.
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf den praktischen Anwendungen im Brückenbau. Im werkseigenen Fertigteilwerk – inklusive Betonmischanlage, Bewehrungsherstellung und Schalungswerkstatt – konnten die Teilnehmenden laufende Versuche zur Probebelastung von Brückenelementen aus nächster Nähe beobachten. Auf einer rund 60 Meter langen Testbrücke werden unterschiedlichste Szenarien simuliert – von Neubauzuständen über Schadensbilder bis hin zu altersbedingten Verschleißerscheinungen. Die strukturierte Segmentierung der Versuchsanlage ermöglicht dabei präzise Analysen verschiedener Belastungssituationen und liefert wertvolle Erkenntnisse für Planung, Instandhaltung und Sanierung. Sehr interessant waren auch die Ausführungen zu Fassadenelementen für den Hochbau. Ein gelungener Wissenstransfer auf hohem Niveau.
Die Exkursion bot ein inhaltlich breit gefächertes und fachlich hochwertiges Programm, das Theorie und Praxis in idealer Weise miteinander verknüpfte. Der direkte Austausch mit erfahrenen Expertinnen und Experten aus Verwaltung, Prüfung und Bauwirtschaft wurde von allen Teilnehmenden als äußerst bereichernd wahrgenommen. Sehr beeindruckend der Optimismus und die Verbundenheit der Kollegen, die uns geführt haben mit dem Werk, und andererseits deren Bescheidenheit!
Dank und Ausblick.
Die Bezirksgruppe Cottbus bedankt sich herzlich bei allen Referentinnen und Referenten für ihre engagierten und praxisnahen Beiträge sowie bei den interessierten Teilnehmenden für den konstruktiven Austausch. Ein besonderer Dank gilt zudem dem Busfahrer Mario von Schmidt-Busreisen, der mit seiner sicheren und freundlichen Fahrweise maßgeblich zum gelungenen Ablauf der Exkursion beigetragen hat.
Die Veranstaltung hat eindrucksvoll gezeigt, wie wichtig der interdisziplinäre Dialog und der kontinuierliche Wissenstransfer für die Weiterentwicklung moderner Infrastruktur sind – insbesondere im Spannungsfeld von Nachhaltigkeit, Innovation, gesellschaftlichen Anforderungen und finanziellen Rahmenbedingungen.
